LVZ-Kunstpreisträger Benedikt Leonhardt: „Ich spiele mit den Zufällen“

von Redaktion

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Am 1. Dezember erhält der 1984 in Leipzig geborene Maler Benedikt Leonhardt den Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Am selben Tag wird dort seine Ausstellung „LUX“ eröffnet. Im Interview spricht er über seine Bildwelten.

LVZ-Kunstpreisträger Benedikt Leonhardt in seinem Atelier in Leipzig
LVZ-Kunstpreisträger Benedikt Leonhardt in seinem Atelier in Leipzig. Foto: André Kempner

Leonhardt studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in der Klasse von Astrid Klein sowie zwischenzeitlich an der norwegischen Kunstakademie Bergen. 2016 beendete er sein Studium mit Meisterschüler-Abschluss. 

Was steht bei Ihnen am Anfang eines Bildes?

Der Arbeitsprozess fängt damit an, dass ich irgendwo etwas sehe, ein Detail aus einem digitalen Bild oder einer Oberfläche, oft vom Smartphone oder vom Computerbildschirm. Manchmal ist es ein Moment aus einem Film, der aufscheint – zum Beispiel eine Farbschliere oder eine -Kombination, die mich interessiert. Diesen friere ich durch einen als Skizze gedachten Screenshot ein. Das liegt dann erstmal eine Weile, bis ich mir das irgendwann ansehe, schaue, was mich daran interessiert. Vielleicht mache ich noch einen Ausschnitt davon, drucke das aus, komponiere es als Papiervorlage. Diese behalte ich während des ganzen Prozesses am Bild bei mir.

Das Digitale, so etwas wie ein grelles Aufflackern, so etwas merkt man Ihren Bildern aber eher nicht an.

Diese Vorlagen sind ja ein impulsgebender Moment, der mir dazu dient, mit der Arbeit anzufangen. Was jedoch oft bis zum Ende erhalten bleibt, ist die Farbstimmung des Anfangs, die wahrscheinlich der Auslöser war.

Wie geht es weiter?

Ich trage die ersten Farben, die ersten Schichten auf. Die ersten Zufälle werden provoziert. Darauf gehe ich dann wieder ein. Was ich suche ist, dass es zu einer Verselbstständigung kommt, dass sich ein Dialog zwischen dem Bild und mir entwickelt, dass das Bild mir sagt, was es werden will, was es noch braucht. Dieser Prozess kann sehr lange dauern.

Sie protokollieren die einzelnen Arbeitsschritte – können Sie damit auch frühere Zustände neu aufrufen?

Nein, das geht nicht. Es sind ja ganz spezielle Momente bei der Arbeit am Bild, da reagiere ich ziemlich schnell. Was ich protokolliere, ist: Wie viele Schichten gerakelte Masse liegt da drauf? Wie viele Farblasuren liegen dazwischen? Welche Transparenz hat eine Schicht? So kann ich zum Beispiel nachvollziehen, warum an einer bestimmten Stelle eine bestimmte Farbe durchscheint. Aber das, was ein Bild spannend macht, bestimmte Lufteinschlüsse etwa, das ist nicht wiederholbar.

Wie tragen Sie die Schichten auf?

Die Farbe wird aufgetragen mit Pinsel, mit Rakel, mit Pumpsprühflaschen. Da ist alles erlaubt. Ich nutze gerne viele verschiedene Möglichkeiten, probiere gerne aus, um mein Arbeitsspektrum zu vergrößern, um dann auch wieder anders reagieren zu können.

Wie wissen Sie, wann ein Bild fertig ist?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal trage ich einfach eine letzte Schicht auf und weiß es. Dann hat es für mich den Anschein, dass ich auf nichts mehr reagieren kann, dass es keine Stelle in dem Bild gibt, wo ich noch eingreifen muss, um es in eine andere Richtung zu bringen. Es gibt manchmal aber auch verlockende Zwischenzustände zum Beispiel, weil eine Lasur überraschend verläuft. Da fällt es schwer, daran weiterzuarbeiten. Aber ich mache es dann doch, weil es nur ein Moment ist. Und dann gibt es Zustände, bei denen ich nicht weiß, ob das Bild fertig ist, oder ob es vielleicht noch einen Arbeitsschritt braucht. Das ist oft schwierig, da kann es manchmal nur helfen, die Leinwand stehenzulassen und sich der Frage später noch einmal zu stellen.

Wie viele Bilder befinden sich bei Ihnen gerade in dieser Warteschleife?

Vielleicht 10, 15. Intensiv arbeite ich meistens an 5 bis 10 Bildern.

Wie lange kann bei Ihnen zwischen dem ersten Impuls für ein Bild und dem Moment, an dem Sie es für fertig halten, liegen?

Das können schon mal zwei Jahre sein, es ist aber nicht so, dass ich an einem Bild dann tatsächlich zwei Jahre gearbeitet habe. Es kann sein, dass ich eine strukturgebende Schicht auftrage, und es wegstelle, dann nach zwei Jahren wieder hervorhole und weitermache.

Wie bringen Sie sich in diesen emotionale Zustand, in dem Sie sich den Zufällen aussetzen?

Ich setze mich den Zufällen nicht aus, ich provoziere sie bewusst. Ich habe gewisse Techniken für mich entwickelt, bei denen weiß ich ungefähr, was passiert und gehe damit um. Ich spiele mit den Zufällen, lasse mich von ihnen inspirieren, aber am Ende lenke ich sie und entscheide selbst.

Hören Sie beim Malen Musik?

Oft. Viel elektronische Musik, manchmal HipHop, manchmal bestimmte Radiosendungen. Aber wenn ich mich sehr konzentrieren muss, dann höre ich auch nichts.

Wie lange arbeiten Sie am Stück?

Das ist sehr unterschiedlich. So ein Flow kann sechs bis acht Stunden dauern, manchmal auch viel länger.

Spielen Tag und Nacht eine Rolle?

Beides hat etwa für sich, macht etwas. In der Nacht habe ich in meinem Atelier manchmal das Gefühl, ich sei allein auf einer Insel. Ringsherum ist hier ab dem späten Nachmittag nichts mehr los. Ich kann mich hier unheimlich gut konzentrieren.

Die gegenständliche Malerei aus Leipzig ist eine weltweit bekannte Marke. Es gibt dadurch diverse sprungbereite Klischees. Würden Sie Ihre Malerei als „abstrakt“ bezeichnen?

Schwierige Frage. Ich kann und will es selbst nicht einordnen. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich in Leipzig irgendwie eine Ausnahmerolle spiele. Mir geht es um die Bilder und darum, was sie auslösen können. Jede Einordnung, die vorgenommen wird, schränkt die Betrachtungsweise ein. Ein Grund, warum ich male, ist, dass Sprache hier keine Rolle spielt. Ob man das, was ich male, als abstrakt bezeichnet, oder ob man darin vielleicht eine Landschaft sieht, ist für mich nicht entscheidend.

Sie positionieren sich also künstlerisch nicht bewusst für oder gegen etwas?

Auf keinen Fall, nein. Ich sehe mich auch nicht in der Position, dass ich etwas Neues mache. Das stimmt einfach nicht, das wäre sehr vermessen gegenüber anderen Malerinnen und Malern.

Kommen wir zur Preisträger-Ausstellung im Museum der bildenden Künste. Zusätzlich zu den drei Räumen im ersten Stock dürfen Sie jetzt noch den Saal davor bespielen, in dem unter anderem Max Klingers „Christus im Olymp“ untergebracht war. Wie finden Sie das?

Die Herausforderung ist dadurch natürlich gestiegen, ich musste schon ein bisschen nachlegen. Aber ich finde, es ist eine gute Idee. Zuvor hatte man immer den Blick auf Klinger, bevor man in die Kabinette ging, und dann wieder, wenn man herauskam. So wirkte das ein bisschen wie die Abstellkammer von Klinger. Jetzt ist es viel mehr eine Einzelausstellung im Museum als vorher.

Farben spielen in Ihrer Kunst eine große Rolle. Kalkulieren Sie deren Wirkungen bei der Arbeit an einem Bild mit ein?

Mir ist das beim Arbeiten eigentlich nicht bewusst. Ich höre von außen etwa, dass sich die Betrachter in den Bildern verlieren können, dass sie so etwas wie einen Farbsog auslösen. Das ist natürlich ein großes Kompliment. Farbe ist schon ein ganz elementarer Bestandteil. Ich probiere ja durch die Schichtung von unterschiedlichen Farbtönen, der Farbe eine ganz besondere Präsenz zu geben, eine ganz bestimmte Wirkung zu erzeugen. Aber da kommt dann wieder die Sprache ins Spiel: Ich kann das gar nicht so benennen. So etwas wie „Ich möchte jetzt einen Orangeton erzeugen, der von unten her gelb leuchtet“ – so etwas läuft nicht in meinem Kopf ab. Es ist mehr ein Forschen: Mich interessiert, wie eine Farbe auf einer anderen Farbe funktioniert, oder wie funktioniert die gleiche Farbe mehrmals geschichtet, was passiert da?

Ihr Vater ist gelernter Baumaschinist, Ihre drei Brüder sind Handwerker. Profitieren Sie von diesem familiären Hintergrund?

Absolut. Ich habe dadurch viele handwerkliche Grundkenntnisse erworben, das hilft mir auch bei der Malerei. Ich baue mir viele Arbeitsgeräte selbst. Diese Trennung Handwerk-Kunst sehe ich ohnehin nicht so streng.

Sie haben bei Astrid Klein an der HGB studiert. Wie wichtig war sie für Sie?

Elementar. In der Zusammenarbeit mit ihr habe ich meine Bildsprache gefunden. Sie hat einen extrem guten, scharfen Blick. Sie hilft einem dabei, für sich rauszufinden, was man machen will. Sie gibt nichts direkt vor, man findet es selbst heraus. Ich habe das sehr geschätzt und schätze es weiterhin. Denn wir haben immer noch eine Verbindung, auch nach meinem Meisterschüler-Abschluss.

Können Sie sich vorstellen, mal aus Leipzig wegzugehen?

Ich kann mir generell schon vorstellen, in eine andere Stadt, in anderes Land zu gehen. Ich bin aber fest verankert in Leipzig mit meiner Malerei. Das ist der Mittelpunkt meines Lebens. Es ist ja wichtig, seinen Platz zu finden – und der ist für mich hier, in Leipzig.

LVZ-Kunstpreis 2017, Benedikt Leonhardt: LUX; Preisvergabe und Eröffnung am 1. Dezember um 18 Uhr im Museum der bildenden Künste; bis 4.2. 2018

Von Jürgen Kleindienst

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.11.2017

Jürgen Kleindienst

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